Halloween-Special: Der Geist, der aus der Reihe malte

Ein Sonderblogartikel mit einer Gruselgeschichte zum Schmunzeln, einem ungewöhnlichen Gast und einer guten Gelegenheit, die Buntstifte hervorzuholen.

Heute gibt es hier etwas außer der Reihe. Zu Halloween tausche ich Gedanken über Selbstständigkeit, Bücher und das Leben im Camper gegen eine erfundene Geschichte. Der Camper bleibt. Der Kaffee auch. Nur der Besuch ist etwas durchsichtiger als gewöhnlich.

Dich erwartet gemütlicher Grusel mit einem Augenzwinkern. Eine Geschichte für eine kleine Pause, zum Lesen oder zum Anhören in der Sonderfolge meines Blogcasts „Ich bin mal so frei“. Mach es dir bequem, stell dir etwas Warmes bereit und achte darauf, wer an deine Tür klopft.

Der Geist, der aus der Reihe malte

Als es an Halloween um kurz nach zehn an meiner Campertür klopfte, hielt ich gerade einen orangefarbenen Buntstift in der Hand. Draußen hing Nebel zwischen den Bäumen. Drinnen standen Tee, Kekse und ein aufgeschlagenes Halloween-Malbuch auf dem Tisch. Nach einem langen Tag wollte ich nur noch einem Kürbis ein Gesicht geben, das ausgeschlafener aussah als meines.

Es klopfte erneut. Dreimal. Langsam.

Ich öffnete einen Spalt.

Vor der Tür stand ein Geist.

Kein Kind mit Bettlaken. Unter diesem Laken gab es eindeutig keine Füße. Dafür schwebten zwei trübe Augen über einer beeindruckend langen Nase.

„Süßes oder Saures?“, fragte ich.

„Kaffee“, sagte der Geist. „Wenn noch welcher da ist.“

Ich sah ihn an.

„Entkoffeiniert geht auch. Meine Nächte sind ohnehin lang.“

Normalerweise lade ich keine fremden Erscheinungen in meinen Camper ein. Doch der Geist zitterte, und irgendwo unter seinem Laken klapperte etwas.

„Zähne?“, fragte ich.

„Porzellan. Ich habe eine eigene Tasse.“

Er zog einen Becher hervor. Darauf stand: Vor dem ersten Kaffee bitte nicht beschwören.

Ich ließ ihn herein. Er setzte sich auf die Bank, wobei er zunächst durch das Polster sank und anschließend mit einem genervten Seufzen wieder auftauchte.

„Neue Sitzbezüge“, erklärte er. „Mit Kunstfasern komme ich schlecht zurecht.“

Dann bemerkte er das Malbuch. Seine Augen wurden groß.

„Wo hast du das her?“

Ich schob es ein Stück zu mir. „Warum?“

Er deutete auf die Seite. Zwischen verschlungenen Ästen stand ein schiefes Haus. Davor: ein Kürbis, eine Fledermaus und eine hagere Gestalt mit Zylinder.

„Das ist mein Haus“, sagte er. „Und das bin ich.“

Ich sah vom Bild zu ihm. Die Nase stimmte.

„Die Zeichnerin war freundlich“, murmelte er. „In Wirklichkeit ist mein Kinn ausgeprägter.“

In diesem Moment knarrte es draußen. Nicht im Wald. Direkt neben dem Camper.

Ich schaute aus dem Fenster. Dort, wo eben noch eine leere Wiese gewesen war, stand jetzt das Haus aus dem Malbuch. Schief, schwarz und so nah, dass die Dachrinne fast meinen Seitenspiegel berührte.

Mein Besucher zog seine Tasse näher.

„Oh“, sagte er. „Es hat uns gefunden.“

Aus dem Haus kam ein langes, tiefes Stöhnen. Dann eine Stimme.

„Rüüüdiger. Die Küüüche.“

Ich drehte mich langsam zu ihm.

„Du heißt Rüdiger?“

„Seit 1843. Ich hatte wenig Einfluss darauf.“

Wieder dieses Stöhnen.

„Was ist mit deiner Küche?“

Rüdiger betrachtete die Tischplatte.

„Ich habe sie vor meinem Ableben angefangen zu renovieren.“

Ich wartete.

„Die Sockelleisten fehlen.“

Draußen schlug ein Fensterladen gegen die Wand.

„Seit hundertdreiundachtzig Jahren?“

„Es kam immer etwas dazwischen.“

Die Schranktür über meinem Kopf sprang auf. Eine Packung Knäckebrot schwebte heraus und zerbrach mit einem trockenen Knacken.

Rüdiger zuckte zusammen.

„Jetzt wird es persönlich.“

Ich sah auf das Bild. Das Haus war fast vollständig ausgemalt. Nur ein Küchenfenster und die Gestalt mit dem Zylinder waren noch weiß.

„Was passiert, wenn ich das fertig ausmale?“

Rüdiger schwieg. Dann sagte er: „Beim letzten Mal bekam der Friedhof türkisfarbene Gartenzwerge.“

Ich griff nach einem braunen Stift. Mit angehaltenem Atem zeichnete ich durch das Küchenfenster eine schmale Linie an der Wand entlang.

Draußen polterte es. Ein Hammer klopfte. Irgendwo summte jemand zufrieden. Dann war Ruhe.

Rüdiger starrte mich an.

„Die Sockelleisten.“

Ich nickte.

Er legte sich eine durchsichtige Hand auf die Brust.

„Hundertdreiundachtzig Jahre. Und du erledigst das mit Nussbraun.“

Das Haus verschwand im Nebel. Zurück blieb ein einzelner Gartenzwerg, der kurz winkte und sich ebenfalls auflöste.

Rüdiger sank erleichtert gegen die Rückenlehne. „Jetzt könnte ich endlich meinen Frieden finden.“

Sein Blick fiel auf die Kekse.

„Nach einer kleinen Stärkung.“

Wir saßen noch eine Weile zusammen. Er erzählte von zugigen Schlössern, unzuverlässigen Medien und einer Séance, bei der ihn jemand nach dem WLAN-Passwort gefragt hatte. Ich malte weiter. Den Zylinder schwarz, den Mantel dunkelgrün. Beim Schal nahm ich Pink.

Rüdiger räusperte sich.

„Eine mutige Entscheidung.“

„Steht dir.“

Er betrachtete sein Spiegelbild im dunklen Fenster. Zum ersten Mal lächelte er.

Kurz vor Mitternacht verabschiedete er sich. An der Tür drehte er sich noch einmal um.

„Falls du irgendwann ein Malbuch mit freundlichen Fantasiewesen hast: Meine Nichte sucht etwas. Große Augen, kleine Hörner. Sie findet meine Gesellschaft zu düster.“

Dann schwebte er hinaus.

Seitdem liegen an Halloween immer Buntstifte auf meinem Tisch. Ein Malbuch für gemütliche Gruselabende. Eins mit knuffigen Wesen für Besuch mit anderem Geschmack. Und neben der Kaffeedose steht eine zusätzliche Tasse.

Nur den pinkfarbenen Stift verstecke ich inzwischen.

Gestern klopfte Rüdiger wieder. Er hatte seine ganze Kegelmannschaft dabei.

Alle wollten einen Schal.

Ein Halloween-Abend mit Geschichten und Buntstiften

Rüdiger ist erfunden. Die Freude daran, mit ein paar Farben etwas Eigenes entstehen zu lassen, kenne ich gut. Ein Kürbis darf grün werden, ein Spukhaus sonnengelb und ein Geist bekommt einen pinkfarbenen Schal. Auf dem Papier entscheidet kein Algorithmus, welche Farbe gerade passt.

Genau diesen Spielraum mag ich an Malbüchern. Eine Seite liegt bereit, die Stifte daneben, und für eine Weile gibt es nur dieses eine Bild. Ob du sorgfältig jede kleine Fläche ausmalst oder beherzt über den Rand hinausgehst, bleibt dir überlassen. Rüdiger hätte dazu vermutlich eine Meinung. Nach seiner Erfahrung mit Nussbraun wäre er mit Kritik zurückhaltend.

Meine Malbücher: schaurig oder zauberhaft

Werbung für meine eigenen digitalen Produkte.

Passend zu diesem Halloween-Special habe ich ein Malbuch für Erwachsene mit 20 detailreichen Ausmalbildern gestaltet. Die Motive sind schaurig und mystisch, mit kleinen Bluttropfen und stellenweise einem leicht frivolen Augenzwinkern. Es richtet sich an Erwachsene, die Freude an vielen Details und ausgiebigen Ausmalstunden haben. Die freundliche Geschichte hier und die erwachsenen Motive im Malbuch haben dabei ihren jeweils eigenen Ton.

Für Kinder von fünf bis sieben Jahren gibt es ein eigenes Malbuch mit 20 freundlichen Fantasiewesen: große Augen, knuffige Gestalten und verspielte, zauberhafte Motive. Ein eigener kleiner Kosmos für alle, denen Rüdigers Spukhaus zu unheimlich ist.

Die digitalen Malbücher kannst du ausdrucken und mit deinen Lieblingsfarben gestalten. Du findest sie in meinem Shop bei Buy Me a Coffee.

Ob daraus ein ruhiger Abend für dich oder eine gemeinsame Malrunde wird: Kaffee und Kekse passen in beiden Fällen dazu. Für auftauchende Geister empfehle ich eine zusätzliche Tasse.

Dieses Halloween-Special gibt es auch auf die Ohren

Mit dieser Geschichte bekommt „Ich bin mal so frei“ eine Sonderfolge zu Halloween. Dieses Mal führt der Weg in eine erfundene Nacht zwischen Camper, Spukhaus und Buntstiften. Als Podcast oder Vlogcast begleitet dich Rüdiger durch eine kleine Auszeit mit Nebel vor der Tür und trockenem Humor am Tisch.

Welche Farbe hätte Rüdigers Schal bei dir bekommen? Schreib es mir gern als Kommentar. Und falls bei dir seit längerer Zeit Sockelleisten fehlen: Einen Versuch mit Nussbraun wäre es wert.

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